Leichter Job, Olka Hallwasz

Ludwig schaute unsicher auf sein ArmbandKom und verglich die Adresse auf dem Display ein weiteres mal mit der, die auf dem verblichenen Straßenschild zu sehen war. Er war in Gerresheim, das stimmte. Er schaute auf das flackernde Nummernschild. Auch das stimmte. Aber das kann unmöglich die richtige Adresse sein, dachte er nicht ohne unbehagen. Die Gegend gefiel ihm überhaupt nicht. Die Straßen waren mit Müll übersät, die vom sauren Regen angefressenen Hauswände waren über und über mit Graffitti beschmiert, diverse Parolen verschiedener Gangs. Und die vielen Löcher galten sicher nicht der Belüftung. Die braune Farbe lange getrockneten Blutes erzählte ihm eine andere Geschichte über deren Herkunft.

Er hatte bisher noch nie einen Studentenjob angenommen. Bisher war das nicht nötig gewesen. Aber das Elend, in das sein Vater ihn gestoßen hatte, zwang ihn zu dieser Maßnahme. Vielleicht arbeiten Studenten ja in solchen oder ähnlichen Gegenden. Ludwig seufzte, sammelte seinen Mut und ging zu der Tür neben dem defekten Nummernschild. Ein einsamer Klingelknopf war zu sehen, kein Name stand daneben. Irgendwie überraschte es ihn nicht, aber es machte die Sache auch nicht besser. Er drückte auf den Knopf und dankte im stillen, daß er keinen Stromschlag bekam. Statt des summens des Türschlosses erklang neben ihm plötzlich das elektronische Knarren einer tiefen Stimme. "Ja was!", bellte sie barsch. Ludwig wirbelte erschrocken herum. Er konnte keinen Lautsprecher erkennen. Also beschloß er, einfach in die ungefähre Richtung zu sprechen, von der die Stimme kam. "Äh...Hallo...", stammelte er, "Mein Name ist..." "Dein Name interessiert mich nicht!", knurrte die Stimme. "Was willst Du?" Ludwig stutzte. Das klang nicht so, als würde man ihn erwarten. Vielleicht hatte er sich doch in der Adresse geirrt, dachte er und erwog, einfach wieder zu gehen. Dann entschied er sich doch anders.

"Ich komme wegen dem Job.", antwortete er kurzerhand. Ein kurzes Schweigen, dann wieder diese knarrende Stimme. "Dreh Dich in die Kamera, Junge." Ludwig sah sich verwirrt in dem Hauseingang um. Er hatte keine Kamera bemerkt. "Ich sehe hier keine...." "Geh einfach einen Schritt zurück und dreh Dich nach rechts!" Er tat, wie ihm befohlen. "Nein, Du Dummkopp!", kam es grollend aus dem verborgenen Lautsprecher. "Nach rechts! Von Dir aus also nach links!" "Konnte ich doch nicht wissen...", murmelte Ludwig verdrossen, und drehte sich nach links, bis er direkt vor dem Eingang stand, mit dem Gesicht zur Tür. Er schaute noch einmal zu dem Türeingang, kniff die Augen zusammen und suchte die obere Simms ab. Dort war lediglich das flackernde Nummernschild und darunter, wegen den miesen Lichverhältnissen kaum zu sehen, ein altes verrostetes Schild mit der gleichen Nummer. Die Kamera mußte dort versteckt sein, dachte er sich. Ansonsten hätte die Stimme nicht gewollt, daß er sich so hinstellte.

"Wegen dem Job, sagst Du?", wurde er nochmal gefragt. "Ja.", nickte Ludwig und hielt die Anzeige, die er von dem Schwarzen Brett gerissen hatte, zum Schild hoch. Augenblicke später summte die Tür und Ludwig hastete vor, um sie zu öffnen.

Er betrat ein kleines Foyer, in dem lediglich zwei abgewetzte Couchs standen und ein Tisch. Eine Tür führte weiter in das Gebäude hinein, eine andere in einem Raum, aus dem schwaches Licht drang. Die Tür selber war entfernt worden. Ludwig ging einfach weiter zu der offenen Tür und klopfte an den Türrahmen. "Komm einfach rein.", knurrte der Ork, der dort hinter dem Schreibtisch saß. Das Display seines Palmtops leuchtete grün in sein Gesicht und ließ ihn noch häßlicher dreinschaun, als er es so schon war. Er sah kurz auf, drückte seine Zigarrette in den überfüllten Aschenbecher und winkte den jungen Elf ungeduldig in das Zimmer. Ludwig trat näher und setzte sich vor dem Schreibtisch auf den wackeligen Stuhl. "Du willst Arbeit?", fragte der Ork wohl zum x-ten male. "Deswegen bin ich ja hier.", erwiderte Ludwig und unterdrückte den Impuls, den Aushang wieder vorzuzeigen.

"Was machste denn so?" "Ich bin Student", antwortete der Junge. "An der Universität. Biologie." "N´ Intelligenzbolzen also.", murmelte der Ork. "Wie auch immer. Haste ein Fürherschein?" Ludwig nickte. Der Ork antwortete nicht, streckte nur seine Hand aus. Der Junge schaute nur verwirrt auf die klobige Hand und wußte nicht, was von ihm verlangt wurde. "Deinen Ebbie, Junge!" Als Ludwig zögerte, seufzte der Ork. "Ich werd schon nichts mit ihm anstellen! Ich muß nur den Führerschein sehen!" Ludwig reichte ihm den Ebbie. Der Ork nahm ihn und steckte ihn in den Schlitz an dem Palmtop. Er studierte kurz die Daten, nahm ihn dan wieder raus und gab ihm dem Jungen wieder zurück. "Ok, Ludwig.", sagte der Ork, jetzt schon deutlich freundlicher. "Scheint, als hätten wir tatsächlich Arbeit für Dich. Ich heiße übrigens Kramer. Komm mit." Ludwig stand auf und ging dem untersetzten Ork hinterher.

Kramer ging durch das kleine Foyer zu der anderen Tür, fischte aus seiner Hosentasche einen Schlüsselbund heraus und steckte einen kleinen Stab in das Schloß. Es piepte kurz und der Ork drückte gegen die Tür. "Bist Du schonmal mit einem Westwind gefahren?", fragte er den Jungen, als er den Lichtschalter betätigte und die kleine Treppe hinunter ging. Ludwig sah sich um. Der Raum war so etwas wie eine Garage. Die Treppe führte hinunter zu einem großen Raum, indem Drei Autos standen. An der einen Wand war eine kleine Werkstatt angebracht. "Früher mal.", antwortete er geistesabwesend und begutachtete die Autos. Sie sahen neu aus, gut gepflegt. Es waren gute Autos, mindestens Mittelklassewagen. In der Garage roch es nach Benzin und Ozon. "Dann wirst Du den da fahren.", sagte der Ork und zeigte auf einen dunkelblaune Eurocar Westwind. "Du hast noch heute nacht Deine erste Lieferung. Kannst also gleich loslegen. So Ka?" "Kein Problem.", stotterte Ludwig. Das ging ziemlich schnell.

Der Ork drückte ihm einen Schlüssel und eine Codecard in die Hand. "Schau Dir den Wagen schonmal an und stell Dir den Sitz ein. Ich hole noch schnell die Karten." Kramer ging wieder die Treppe hoch und Ludwig ging zu dem Wagen und schloß ihn auf. Als er den Kartenschlüssel in die Kontrolleinheit schob, erwachten die Amaturen zum Leben. Er pfiff leise durch die Zähne. Jemand hatte sich Mühe gegeben, den Wagen mit einigen Extras auszurüsten. Neben dem GPS-System, einem Funkgerät und einem Fahrtenschreiber, waren noch Kontrollen für einen Autopiloten angebracht, eine Vorrichtung, mit der man die Scheiben verdunkeln konnte sowie ein FSE und ein Warnsystem für Radar- und Laserfallen. Ludwig bedauerte ein wenig, daß er keinen Rig besaß, aber der Autopilot sah so gut aus, daß die Fahrt auch so ein wahres Vergnügen zu werden versprach. Der Ork klopfte an die Scheibe. Ludwig drückte auf den Sensor und die Scheibe versenkte sich in die Tür. "Steig aus, Junge.", sagte der Ork. Ludwig verließ die Fahrerkabine.

Kramer beugte sich in das Auto und drückte auf einen der Knöpfe an der Konsole. Mit einem weichen Klicken öffnete sich der Kofferraum. Er ging zum Heck des Westwind und hob eine schwarzen Truhe aus Metall in den Kofferraum. Er hantierte noch ein wenig herum, aber Ludwig konnte wegen der Kofferraumhaube nicht sehen, was genau der Ork da tat. Dann richtete sich Kramer wieder auf und warf die Haube zu. "Kennst Du Dich im Ostteil der Stadt aus?", fragte er den Jungen und drückte ihm einige Karten und Chips in die Hand. "Ja, einigermaßen." "Das ist gut. Die Adresse steht auf der Karte. Auf dem Chip ist die Rute noch einmal markiert. Du solltest Dich also nicht verfahren. Wenn Du dort angekommen bist, hupst Du einmal kurz und schaltest Dein Funkgerät ein. Der Chip muß dann noch in der Kontrolleinheit liegen, Vergiß das nicht! Das ist wichtig! Wenn Dir irgendwer fragen Stellt, dann sagst Du, daß die Lieferung von Leffart da ist. Leffart, hast Du das?" "Werde cih nicht vergessen.", versicherte Ludwig. "Sahne.", antwortete der Ork zufrieden. "Hast Du ne Knarre?"

Ludwig fielen fast die Augen aus dem Kopf. "Nein!", rief er fast. Kramer seufzte. "Wäre aber gut. Einige Gangs sind hier ziemlich schlimm drauf. Naja, ist auch nicht so schlimm. Wenn Du auf Ärger stoßen solltest, dann schau im Handschuhfach nach. Ist verschlossen, benuzt also die Codecard." Ludwig trat unbehaglich von einem Bein auf das andere. "Was transportier ich eigentlich?" Kramer funkelte ihn finster an. "Hör zu Junge, Du bist nur der Fahrer, Okay? Das braucht Dich also nicht zu interessieren. Sieh nur zu, daß Du pünktlich zu der Adresse kommst. Wenn Du Deinen Job gut erledigst, dann kannst Du Dir sicher sein, haben wir noch mehr arbeit für Dich." "Oh, schon klar.", murmelte der Elf. So langsam zweifelte er immer stärker an der Legalität der ganzen Sache. Aber was solls. Ihm würde ja nichts zulasten kommen. Er war ja nur der Fahrer. Außerdem brauchte er das Geld. "Wieviel kriege ich eigentlich für den Job?", fiel ihm ein. "Wir haben noch gar nicht über die Bezahlung gesprochen." "500 ecú. Bar auf die Kralle." "Fünfhundert!!", platze es förmlich aus Ludwig heraus.

Der Ork verdrehte die Augen. "Ok, Sechsfünfzich, aber keinen Cred mehr." "Das...das ist schon in Ordnung.", stammelte der Elf. Alle Zweifel hinsichtlich des Jobs waren auf einmal wie weggewischt. Sechshundertfünfzig ecú für nur eine Fahrt! Die meisten Studentenjobs brachten im Monat nicht mehr ein! Ludwigs Gedanken überschlugen sich fieberhaft. Wenn er, mal angenommen, nur Drei Fahrten im Monat machen würde, wären all seine Geldsorgen Vergangenheit. Wenn er noch öfter fahren würde... "Ich bringe die Fracht hin.", versicherte er Kramer. "Sie können sich auf mich verlassen." "Gut zu hören.", knurrte der Ork.

Ludwig setzte sich in den Wagen und startete den Motor. Der Ork nahm eine kleine flache Fernbedienung aus der Tasche und drückte auf einen der Knöpfe. Das Garagentor rollte sich quietschend nach oben. Ludwig gab Gas und fuhr auf die dunkle Straße. Hinter ihm fiel das Tor wieder nach unten. Der junge Elf beschleunigte und verließ nach kurzer Zeit die Gegend richtung Osten. Nach einer Weile schaltete er den Autopiloten ein. Das Spatzenhirn klinkte sich in das ALI ein und Ludwig lud den Chip in das GPS und gab Anweisungen für die Route. Dann gab es erstmal nicht mehr viel für ihn zu tun. Er überlegte kurz, ob er Petra anrufen sollte, um ihr von dem neuen Job zu erzählen. Sie schien vorhin mächtig sauer gewesen zu sein und auch enttäuscht, daß er nicht mit ins Fatty´s gekommen war. Seine alten Zweifel meldeten sich wieder und er beschloß ihr morgen zu erzählen, weswegen er nicht kommen konnte.





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