Ein Morgen in Rath, Ingo Nehls

Der Himmel war das übliche grau in grau, so wie man es von einem neuen morgen im Plex gewohnt war. Die beißenden Rauchschwaden aus dem in der nähe liegenden Industriegebiet teilten sich die restliche atembare Luft mit dem sauren Regen der wie ein Vorhang über Rath hing. Langsam füllten sich die Gehwege mit den wenigen Menschen die hier noch einen festen Job besaßen und versuchten unbehelligt diesen zu erreichen. Die Chancen standen nicht schlecht. Die Gangs die diese Gegend für sich beanspruchten waren um diese Zeit nicht besonders aktiv, das würde sich erst gegen abend wieder ändern.
Nicht alle Gegenden im Rhein-Ruhr-Metroplex sahen so schlimm aus wie hier, aber nachdem Flingern vor zwei Jahren von der MET 2000 dem Erdboden gleichgemacht worden war, hatten sich die meisten Überlebenden in diese Gegend abgesetzt. Die Eingewöhnungsphase war schnell und blutig verlaufen. Gangs kamen, Gangs starben und die Central Observation Police hatte dem ganzen lächelnd zugesehen, solange keine schweren Waffen eingesetzt wurden.
Zanny war in Rath groß geworden. Ihre Eltern waren gestorben, als sie auf dem Weg nach Haus in eine Schießerei zwischen den Gothic Warriors und den COPīs geraten waren. Sie war damals sieben gewesen, und es war eine Ewigkeit her, zwei ganze lange Jahre. Robin, ihr Bruder hatte sich in der Zeit um sie gekümmert und durch seine Aufnahme bei Infernal Justice hatte sie wenigstens ein bißchen Schutz genossen, für einen Preis. Die Gang war nicht besonders groß, gerade mal 15 Jugendliche, aber sie hatten es immerhin geschafft drei ganze Straßen für sich zu beanspruchen. Trotzdem hielt sie sich möglichst von ihnen fern. Genauer gesagt von Jos dem Anführer der Gang. Sie mochte ihn nicht und er hatte sie oft genug geschlagen, einfach nur um seine eigene schlechte Laune loszuwerden. Ohne Robin wäre bestimmt das eine oder andere mal schlimmeres passiert.
Sie war auf dem Weg zu der einzigen Schule, die in Rath noch existierte. Nicht das sie zur Schule gehen würde, aber die Gegend war friedlicher als der Rest hier. Außerdem gab es manche Lehrer die einem essen gaben. Man mußte sich dann zwar das ganze Gewäsch von wegen Zukunft und Bildung anhören, aber es brachte einen vollen Magen.
Sie war sehr früh dran, die ersten Lehrer würden erst in zwei bis drei Stunden kommen, aber sie hatte Zeit. Zanny machte es sich zwischen zwei Mülltonnen bequem und beobachtete die Schule.
Langsam verstrich die Zeit, und die Müdigkeit kam. Sie hätte gestern doch etwas früher schlafen sollen, plötzlich war da dieses Scharren hinter ihr. Sie wirbelte herum, aber in dem Moment wurde sie zwei großen dreckigen Händen festgehalten. Ein zweiter Squatter hielt ihr den Mund zu. Panik überfiel sie, sie versuchte sich zu wehren, aber die beiden waren zu stark. Schreien konnte sie auch nicht. Die beiden versuchten sie weiter in die Gasse zu ziehen.
Sie wußte das sie nichts mehr tun konnte, außer zu hoffen das sie es überleben würde. Es war nicht das erste mal. Das einzige was sie tun konnte war sich tief in ihr inneres zurückzuziehen. Dorthin wo niemals irgend jemand hinkommen würde.
Ihr Blick fiel auf ein gegenüberliegendes Haus und sie hatte das Gefühl als würden sie beobachtet werden, aber hier in Rath würde niemals jemand helfen. Höchstens den beiden Dreckskerlen. Warme Flüssigkeit spritzte in ihr Gesicht und ihr Blick wurde rot gefärbt, war es das gewesen. Die Squatter ließen plötzlich los und sie hörten den dumpfen Aufprall der Körper auf dem Asphalt. Sie wischte sich das Blut aus den Augen und sah die beiden Typen am Boden liegen. Von den Gesichtern war nicht mehr viel zu erkennen. Sie fing an zu zittern, als das Adrenalin nachließ und der Schock einsetzte. Was war geschehen.
Der Regen strömte weiter in die Gasse und spülte das Blut langsam den Gully hinunter, tief in die Kanalisation...




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